| Ausgabe: 03/2010 | 03.08.2010
Wettbewerbe/Events
design report award 2010
Mailand, 15. April 2010. Unter den rund 300 Teilnehmern des Salone Satellite, des Nachwuchsforums der Mailänder Möbelmesse, ermittelte eine internationale Fachjury zum elften Mal das Nachwuchstalent des Jahres. Diesmal ging der mit 5.000 Euro dotierte design report award an den Italiener Francesco Faccin und den Spanier Álvaro Catalán de Ocón. Mit je einer Special Mention wurden Designer aus Argentinien, Norwegen und Japan geehrt.
Am Ende der Preisverleihungszeremonie schnappte sich Nasir Kassamali das Mikrofon und sprach aus, was wohl alle empfanden an diesem lauen Aprilabend: „Vielen Dank, Marva, für diese wundervolle Rauminszenierung“, rief der Chef des US-amerikanischen Designvertriebs Luminaire und langjährige Sponsor des design report awards. „Diesmal hast du dich selbst übertroffen!“ Wohl wahr. Zu dem Publikumserfolg der 13. Ausgabe des Salone Satellite trug nicht unwesentlich die Gestaltung des Ausstellungsparcours bei, der noch großzügiger und freundlicher wirkte als in den vergangenen Jahren. „Designing the world“ lautete das Motto der diesjährigen Veranstaltung. Passend dazu war die ganze Halle in Rot, Grün, Blau, Gelb und Orange getaucht, wobei jede Farbe einen Erdteil repräsentierte. Als Flucht- und Ruhepunkte inmitten des globalen Designerdorfes fungierten Plätze, die Ex-Teilnehmer des Salone Satellite aus Afrika, Amerika, Australien, Asien und Europa geschaffen hatten. Marva Griffin Wilshire, Erfinderin, Kuratorin und gute Seele des Salone Satellite, konnte zufrieden sein mit ihren Ausstellungsdesignern. Sichtlich bewegt betrat sie die Bühne, ließ sich von Kassamali herzen und genoss den Beifall, der ihr entgegenschallte.
Der stürmische Applaus beschloss eine Veranstaltung, die wie immer mit großen Erwartungen und bohrenden Fragen begann: Wer ist der Beste? Wer bekommt den begehrten Award? Wer streicht 5.000 Euro ein? Die sechs Experten, denen es oblag, Antworten zu geben, fanden sich bereits um zehn Uhr morgens am Ort des Geschehens ein. Neben Lars Quadejacob, dem Chefredakteur des design reports, bestand die Jury aus fünf Designern. Angereist waren die Italienerin Frida Doveil vom Studio Fragile, Kirsten Hoppert vom Studio Vertijet aus Halle, der Israeli Nitzan Cohen, der Schwede Matti Klenell und der Schweizer This Weber.
Rund 300 Nachwuchstalente aus aller Welt, ausgewählt von einer Fachjury unter dem Vorsitz von Marva Griffin, haben sich für die Teilnahme am Salone Satellite qualifiziert. Die Entwürfe, die sie auf ihren Ständen zeigen, gehen in die Tausende. Darunter keineswegs nur Möbel, sondern auch zahllose Leuchten und allerlei Accessoires: Küchenhelfer, Kerzenständer, Kleiderhaken. Manches davon noch im Konzeptstadium, vieles jedoch bis ins Detail ausgeformt. Und die Objekte sprechen keineswegs nur für sich. Gestalter, selbst wenn sie noch studieren, agieren heute ganz selbstverständlich als gewiefte Verkäufer in eigener Sache und präsentieren ihre Produkte als Markenerzeugnisse mit allem professionellen Zubehör. Ohne Broschüre und CD, ohne Logo und selbst Markenclaim wagt sich heute kaum jemand an die Öffentlichkeit. Angesichts dieser Überfülle an Produkten und Informationen erscheint es unmöglich, alles auch nur zu erfassen, geschweige denn, jedes Einzelding zu beurteilen. Wie gehen die Juroren vor? Wie treffen sie ihre Auswahl?
Originalität ist ein wichtiges Kriterium. „Viele Entwürfe“, so Matti Klenell, „sehen aus wie billige Versionen von wegweisenden Produkten bekannter Firmen.“ Kirsten Hoppert stimmt dem Schweden zu: „Kopien gibt es hier reichlich, aber Ideen sind rar.“ Auch Nitzan Cohen zeigt sich enttäuscht von der Masse der perfekt gemachten, aber durch und durch konventionellen Objekte. Eine Teilnehmerin tanzt aus der Reihe. Sie präsentiert weder Tisch noch Stuhl, sondern verteilt Tüten ans Publikum. Darin befindet sich ein Zuckerstück in Form eines Eisbären, mit dem man seinen Tee oder Kaffee süßen kann. Das Verschwinden des Objekts im Getränk soll darauf aufmerksam machen, dass auch die echten Eisbären demnächst von der Bildfläche verschwinden könnten. Eine bittersüße Mahnung, ein sympathisches Kunstwerkchen, immerhin. Letztlich aber ebenso irrelevant für die Award-Vergabe wie der aus Wasserfontänen gebildete Sessel des Koreaners Hyun-Dae Kang, der mit seiner Aktion auf ein kommendes reales Produkt hinweisen wollte.
Die anstrengende Suche nach einfallsreichen, zugleich irgendwie brauchbaren und ästhetisch überzeugenden Lösungen erstreckte sich bis in den Nachmittag. Anschließend diskutierten die Juroren lange und kontrovers über ihre Vorschläge. Nach und nach kristallisierten sich vier mögliche Kandidaten heraus. Da waren die textilen Möbel der norwegischen Gruppe „She“, der Besteckkasten und der Stuhl des Japaners Sohei Arao, die Beistelltische des Argentiniers Federico Churba und die Entwürfe von Francesco Faccin und Álvaro Catalán de Ocón: zwei Leuchten, zwei Tische und ein Stuhl. „Schön, handwerklich sauber und detailverliebt“, fand This Weber die Objekte. „Ehrlich, nützlich und human“, urteilte Frida Doveil. Am Ende stimmten alle Juroren für den Italiener und den Spanier – die Zeremonie konnte beginnen.
Um die Bühne scharten sich nicht nur die Teilnehmer des Salone Satellite, Journalisten und Messebesucher, sondern auch Vertreter jener Firmen, die sich um den design report award besonders verdient gemacht haben. Nils Holger Moormann, Richard Lampert und Peter Thonet waren da, Rudolf Pütz von Vitra, Nadine Wachsmuth von Alape und natürlich Nasir Kassamali. „Ohne Sie“, wandte sich Lars Quadejacob an die Sponsoren, „könnten wir diese Party gar nicht feiern. Herzlichen Dank für Ihre großzügige finanzielle Unterstützung.“ Auch den Grafikern vom Stuttgarter Büro Projekttriangle, die zum zehnten Mal in Folge formidable Plakate und Einladungskarten für den Award entworfen hatten, dankte der Chefredakteur. Danach gab es kein Halten mehr. Endlich ließ Jurysprecherin Frida Doveil die Katze aus dem Sack und holte die Sieger auf die Bühne – zu denen, wie gesagt, in gewisser Weise auch Marva Griffin gehörte. >
Klaus Meyer | |