| Ausgabe: 03/2010 | 03.08.2010
Design Den Haag
Design zwischen Bürger und Behörde
Die Veranstaltungsreihe in Den Haag widmet sich dem Potenzial von Design im Regierungsauftrag. Kuratiert vom Designer Ed Annink, wird sie bis 2018 jeweils in der niederländischen Regierungsstadt und in einer europäischen Hauptstadt abgehalten. Annink verfolgt mit dem Event ein ehrgeiziges Ziel: Es soll Design als Kommunikationsform propagieren.
Dass Design für politische Zwecke genutzt wird, ist eigentlich alles andere als neu. Paola Antonelli, Architektur- und Designkuratorin des Museum of Modern Art in New York, bezeichnet schon die ägyptischen Pyramiden als „Design im Regierungsauftrag“ und bezeugt dem Dritten Reich gar „gnadenloses Branding“. Wie sie jüngst in einem Artikel im Corriere della Sera schrieb, wussten vor allem totalitäre Regime, Design schon immer für ihre Ziele einzusetzen – in Form von Propagandamaterial, aber auch Produktdesign oder Architektur. Demokratische Regierungen tun sich dagegen im Allgemeinen etwas schwerer mit der Gestaltung einer Corporate Identity. Der Pluralismus, der jeder Demokratie zu Grunde liegt, lässt sich nicht so einfach in eine griffige visuelle Identität übersetzen.
Eine der wenigen Ausnahmen von der Regel sind die Niederlande, die schon seit Jahrzehnten immer wieder bemerkenswert gutes Design im Regierungsauftrag hervorbringen – von den alten Gulden-Banknoten über das Erscheinungsbild der niederländischen Post bis hin zur Gestaltung der Polizeiautos. Ungeachtet solcher Erfolgsgeschichten, die sich schnell herumsprechen und das Image der Niederlande als Designnation prägen, haben aber auch die Holländer manchmal ihre Schwierigkeiten mit Design für die Regierung. So machte man zum Beispiel um die Einführung eines landesweit einheitlichen Regierungslogos, das 2008 die verschiedenen Logos der einzelnen Ministerien ersetzte, viel Aufhebens. Einerseits sperrten sich manche Ministerien gegen die Vereinheitlichung, andererseits beschwerten sich niederländische Kommunikationsdesigner, weil mit der Einführung des Universallogos eine ihrer bisherigen Auftragsquellen verschwand.
Raffinierter Schachzug
Die Geschichte der hindernisreichen Einführung des Logos ist nun zum Thema eines Symposiums und eines Buches über „The visual identity of the Dutch government“ geworden. Beide sind Teil der neuen Biennale Design and Government, die sich mit Design im Regierungsauftrag beschäftigt, dieses Jahr ihr Debüt gibt und bis 2018 alle zwei Jahre stattfinden soll. Veranstaltungsort ist jeweils der niederländische Regierungssitz Den Haag im Dialog mit einer europäischen Hauptstadt. Den Anfang macht Berlin, gefolgt von Stockholm, Paris, London und zuletzt Rom.
Geistiger Vater und erster Kurator von Design and Government ist der niederländische Designer Ed Annink, dessen Büro Ontwerpwerk in Den Haag sitzt. 2007 war Annink bereits Kurator der Designbiennale Utrecht Manifest. Umtriebig, wie er ist, lud er damals eine Gruppe von Gemeindevertretern, Museumsdirektoren und einflussreichen Kreativen aus Den Haag zu einem Besuch von Utrecht Manifest ein. „Wir fuhren alle zusammen im selben Bus nach Utrecht“, erzählt er. „Auf dem Rückweg fragten mich einige Leute von der Gemeinde, ob ich so etwas wie Utrecht Manifest nicht auch für sie entwickeln könnte. Sie wollten Den Haag gerne als kreative Stadt promoten, um die Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2018 zu unterstützen. Ihr Interesse galt dabei Architektur und Design – sonst war alles noch sehr vage. Ein paar Wochen später schlug ich ihnen vor, ein Projekt über das Verhältnis zwischen Design und Regierung daraus zu machen.“
Man muss Annink lassen, dass das ein raffinierter Schachzug war. Sein Biennalethema hat einerseits internationale Relevanz, andererseits passt es auch zu Den Haag als Regierungsstadt. Als Designmetropole ist Den Haag hingegen wahrlich nicht bekannt, sodass das Anliegen der Gemeindevertreter ebenso gut in einem jener aufgesetzten Designevents hätte enden können, die sich momentan so viele Städte im Zuge des „creative class“-Hypes ans Revers heften. Mit seiner Themenwahl gelingt es Annink jedoch, die Biennale glaubhaft mit der tatsächlichen Identität von Den Haag als Regierungs- und Parlamentssitz zu verknüpfen. Obendrein wollte er damit vermeiden, dass aus dem Projekt die zigste Produktschau von Stardesignern wird. „Ich wollte nicht schon wieder die ewig gleichen Designer ins Scheinwerferlicht rücken. Es geht mir nicht um das Ausstellen irgendwelcher Objekte, sondern darum zu zeigen, was Kreativität und Design für eine Regierung und damit auch für die Gesellschaft bedeuten können.“
Diversität und Einheit
Annink könnte stundenlang über die Biennale erzählen, die für ihn sichtlich auch eine persönliche Angelegenheit ist. Auf die Frage, wieso er ausgerechnet Berlin, Stockholm, Paris, London und Rom als Gastgeberstädte ausgewählt hat, antwortet er schlicht: „Weil ich dort Leute kenne.“ In Berlin ist das vor allem der Journalist und Kurator Lucas Verweij, ehemaliger Direktor der niederländischen Designstiftung Premsela, der die dortigen Vorträge und Ausstellungen von Design and Government koordiniert. „Aber die Stadt hat nicht viel Geld. Wir werden also einfach einige der Projekte, die wir hier machen, in Berlin noch einmal zeigen“, erklärt Annink. Mit den anderen Städten hat er noch gar nicht über Geld gesprochen, was die Zukunft der Biennale recht ungewiss aussehen lässt. In Stockholm will Ewa Kumlin, Direktorin des schwedischen Designinstituts, Ende des Jahres erste Gespräche mit möglichen Geldgebern führen.
Momentan wird das Event vor allem von der Gemeinde Den Haag, aber auch von der niederländischen Mondriaan-Stiftung, der Designstiftung Dutch DFA und der Europäischen Kommission finanziert. Die größte Ausstellung der Biennale heißt „Norm = Form“ und thematisiert den Sinn von Standardisierung. „Normen wie DIN, NEN, ISO, ASA wurden alle von der Industrie erfunden, um den wirtschaftlichen Gewinn der Hersteller zu steigern“, erläutert Annink. „Die Ausstellung will vor allem Fragen aufwerfen. Was sind die Vor- und Nachteile von Standardisierung? Gibt es Regeln, die man eigentlich abschaffen sollte? Und sollte man dem kulturellen Gewinn nicht mehr Beachtung schenken?“
Die weiteren Ausstellungen nehmen das Design von Wahlplakaten aus den Niederlanden und Deutschland unter die Lupe und zeigen die unterschiedlichen Designs von Polizeiuniformen in Europa. „Wenn man einen italienischen Carabiniere sieht, fühlt man sich nicht gerade ermutigt, ihn nach dem Weg zur nächsten Disco zu fragen. In Norwegen ist das ganz anders, denn norwegische Polizisten sehen viel zugänglicher aus“, erläutert Annink den Ausgangspunkt der Schau. „Die Polizei hat überall in Europa dieselben Aufgaben, aber viele unterschiedliche Erscheinungsbilder. Was sagt uns das? Letztlich ist das eine Frage von Diversität und Einheit.“ Diese Frage, die Design im Regierungsauftrag in den europäischen Zusammenhang stellt, scheint Annink besonders zu interessieren, denn sie liegt auch einigen anderen Events von Design and Government zu Grunde. Zum beinahe unübersichtlich umfangreichen Programm mit Vorträgen, Diskussionen und Veröffentlichungen gehören auch eine Ausstellung über „Unity and/or Diversity for Europe?“ sowie ein Workshop für den Entwurf eines gemeinsamen Botschaftsgebäudes für alle EU-Länder und ein Wettbewerb für den Entwurf einer neuen EU-Flagge.
Mehr als nur ein Event
„Diese Biennale ist einfach eine großartige Gelegenheit, um zu veranschaulichen, welche Bedeutung Design wirklich hat“, erklärt Annink. „Design ist ein Kommunikationsmittel. Jedes Produkt hat soziale und ökonomische Implikationen, die wiederum einen Einfluss auf den Benutzer haben. Mir geht es darum, Design in einem anspruchsvollen Kontext zu platzieren und nicht immer nur die kommerziellen Aspekte in den Vordergrund zu stellen.“ Letztlich soll Design and Government die Rolle von Design als Vermittler zwischen Regierenden und Bürgern beleuchten und darüber hinaus das Potenzial aufzeigen, das Design birgt, wenn man es als eine Form von Kommunikation und nicht nur als Styling begreift. Damit diese hehre Botschaft nicht verhallt, will Annink 2018, wenn die Biennale endet, aus allen fünf Events einen Report für die Europäische Union destillieren, mit Vorschlägen für eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Designwelt und Regierungen. Im Idealfall möchte er auch noch ein Institut gründen, das sich diesem Ziel widmet. „Ich wäre jedenfalls froh, wenn es nicht nur irgendein Event bliebe“, sagt er.
Wie bei allen Projekten, die mit der Regierung zu tun haben, gibt es aber auch einen Haken: Design and Government ist vom politischen Klima abhängig. Sollte es bei den niederländischen Parlamentswahlen im Juni einen rechtspopulistischen Ruck geben, sieht es für die zukünftige Finanzierung der Biennale schlecht aus. „Aber selbst das sagt dann etwas über das Verhältnis von Design und Regierung“, meint Annink lächelnd.
www.designdenhaag.eu
Anneke Bokern | |